Der Weg in die Sucht
Ein zerrüttetes und/oder gleichgültiges Elternhaus, berufliche Perspektivlosigkeit, Resignation und ein entsprechendes „Null-Bock-Gruppenverhalten“, charakterisieren oft den Weg in die Sucht.
Freitags beginnend wird „Koma- und Flatratesaufen“ oder „Kampftrinken“ geübt, oftmals jedes Wochenende. Es gibt Diskotheken, die damit werben, dass jeder Gast für 4 EURO von 21.00 bis 23.00 Uhr soviel alkoholische Getränke trinken kann, wie er möchte.
Kampftrinken im Allgäu nennen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen „Betonmass saufen“. Eine Betonmass ist ein Liter hochprozentiger Schnaps.
Ein Beispiel: Ein 17 jähriger, zwei 15 jährige und ein 14 jähriger – alle Realschüler - bestellen sich ein solches Getränk und bekommen es auch. „Wir sind ganze Kerle, jeder eine viertel Maß auf ex!“ ... lautet die Devise. Der Masskrug ist geleert und ein neuer wird bestellt. Ergebnis: Drei junge Schüler liegen mit einer Alkoholvergiftung auf der Intensivstation eines Krankenhauses. Die Blutalkoholkonzentration betrug über 3,0 Promille.
Ein weiteres Beispiel: In einem kleinen Dorf am Niederrhein fährt eine Mutter ihre beiden Söhne zu einem Lebensmittelgeschäft. Die Söhne sind 18 und 15 Jahre alt.
Originalton der Mutter: „Hier habt ihr 20,00 EURO, kauft Euch etwas zum Vorglühen. Heute Abend ist ja wieder Kampftrinken angesagt!“
Michael rauchte mit 11 Jahren seinen ersten Joint. Zu seinen Eltern hat er fast keinen Kontakt. Sein Vater ist arbeitslos und alkoholkrank, seine Mutter Co-abhängig. Kommunikation betreibt er mit seinem Dealer und einigen Leuten von der Strasse, die genau wie er „abhängen“. Heute ist Michael 19 Jahre alt, heroinabhängig und bei der Polizei kein unbeschriebenes Blatt. „Die Hauptschule habe ich geschmissen!“ Michael ist durch die Agentur für Arbeit zu einer Ausbildungsmassnahme an ein Berufskolleg geschickt worden. Zwei Besuche stattete er dem Kolleg in einem halben Jahr ab.
Aus vielen Gesprächen mit Schülern wissen wir, dass „Probleme“ Ursache für den Einstieg in die Welt der Suchtstoffe war. Bei näherer Betrachtung und Bearbeitung der „Probleme“, verwandelt sich dieses Wort in die Wörter Angst, Selbstunsicherheit, Hemmungen im sozialen Kontakt, Depressionen, Schuldgefühle, Konflikte, unverarbeitete Erlebnisse etc..
„Ich habe Angst und weiß, wenn ich meinen Suchtstoff zu mir nehme, dann habe ich innerlich Ruhe - wenigstens stundenweise. Heute trinke ich morgens Wodka oder rauche einen Joint, wenn wir eine Klassenarbeit schreiben, denn eine Klausur macht mir Angst!“
Ein Elternhaus sollte Liebe, Sicherheit, Geborgenheit, Anerkennung und Vertrauen ausstrahlen. Für einige Eltern sind diese Worte jedoch nur Worthülsen. Hülsen ohne Inhalt und Leben. Kinder werden kaum erzogen, aber der Schule übergeben mit den Worten: „Nun macht mal, wir werden mit unserem Kind nicht fertig!“
Selbstvertrauen, Wertschätzung dem anderen gegenüber und über Gefühle reden, kennen diese jungen Menschen nicht. Kommunikation mit den Eltern läuft nur noch über das Handy.
Eltern, die liebe- und vertrauensvoll mit ihrem Kind umzugehen meinen, verstehen vielfach die Welt nicht mehr, wenn ihr Kind „wie aus heiterem Himmel“ Suchtstoffe zu sich nimmt. Schüler berichten uns, wie „spießig, ahnungslos und blauäugig“ die Eltern sind.
Wir empfehlen allen Eltern und Interessierten einen Blick ins Internet.
Unter
http://www. code-knacker.de/drogensprache.htm wird ein ausführlicher Einblick in die „Fachsprache“ der jungen Leute gewährt.
Im Coachingunterricht, der an Schulen erteilt wird, sind wir über die offenen Äußerungen der Schüler erstaunt. Diese Äußerungen fallen allerdings nicht im Klassenverbund, sondern treten bei Gruppengesprächen (Clique) oder Einzelgesprächen zutage. „Äh Alter, hab auch schon mal nen „Downtown“ genommen (Heroin), war echt geil und voll krass! Dat nächste Mal schmeiß ich mir ne A-Bombe!“ (Eine Zigarette, die Marihuana und Opium oder Haschisch und Heroin enthält.)
Standen früher Dealer in den Querstrassen zur Schule und verkauften ihre „Produkte“, so hat sich heute das Bild gewandelt. Die Dealer sitzen nunmehr in den Schulen. Es sind die Schüler selber. Alles ist käuflich.
Diese neue Art des dealens hat grosse Vorteile für die „Verkäufer“. Sie preisen ihre Waren in der Schule in außerordentlicher Manier und in den buntesten Farben an, sodass Neugierige immer öfter zugreifen. Keiner möchte ein „Weichei“ sein. Konsumiert wird vorwiegend in der Clique - so wird Kontrolle ausgeübt und Abhängigkeit herangezogen.
Der Weg in die Sucht vollzieht sich in sechs Schritten:
| Gebrauch | Genuss | Missbrauch |
| Gewöhnung | Abhängigkeit | Sucht |
Sucht bezeichnet einen krankhaften Endzustand der Abhängigkeit von Mitteln oder Verhaltensweisen. Süchtige Menschen leiden unter dem Zwang, sich ein Mittel oder ein Verhalten zuführen zu müssen.
Nikotinsucht beginnt heute an den Schulen mit 11 Jahren. Sind es hier noch vereinzelte Schüler, so zeigt sich ein stetiger Anstieg mit höherem Alter.
Rauchfreie Schulen sind vielfach ein Aushängeschild nach aussen. Schüler werden – wenn sie Raucher sind – in der Regel alleine gelassen. Es gibt vonseiten der Schulen kaum Angebote, der Nikotinsucht zu begegnen.
Etwa 20 - 25% der Schüler einer Schule sind Raucher. Mehr als die Hälfte davon sind weiblich. Auffällig ist, dass in Süddeutschland weniger Schüler nikotinabhängig sind. Dafür ist das Weizenbier dort um so beliebter.
Wenn Schüler vor oder während der Unterrichtszeit Alkohol trinken, dann Wodka. Wodka gibt keine „Fahne“. Wodka-Flachmänner lassen sich bequem verstecken, z.B. im Spülkasten der Toilettenspülung. Dort bleibt das Getränk auch gekühlt.
Auffällig ist der hohe Anteil an Co-abhängigen Schülern. Wir haben bislang keine Klasse unterrichtet, wo nicht ein Co-abhängiger Schüler saß. Grund: in der Regel ist ein Elternteil suchtkrank.
Erstaunlich ist ferner der hohe Anteil an suchtbetroffenen Pädagogen. Hier sind ca. 7% abhängig. Suchtstoffe: vorwiegend Zigaretten und Alkohol. Viele Lehrer verdrängen deshalb auch das Thema Sucht.